Lord Mayfords Tagebuch

Bericht einer Ägyptenreise

Herausgegeben von Alexander Nerá

 

Sie können das gesamte Tagebuch zur Ägyptenreise von Lord Charles Mayford hier lesen (in englischer Sprache).

 

22. Mai 1810, London

Ich hasse London! Ich hätte niemals herkommen sollen. Ich hätte zu Hause bleiben können, um auszureiten und die Ruhe und den Frieden auf dem Land zu genießen. Stattdessen bin ich hier – und treffe diese unerträgliche Thane. Mrs. Anna M. Thane. Wofür steht „M.“ überhaupt? Meschugge würde passen!

Gestern Abend war ich auf einem Ball und suchte ein paar Leute zum Kartenspielen. Ich verstehe zwar, dass die jungen Leute mit Tanzen beschäftigt sind und die Damen bei Laune halten wollen. Aber was machte der Rest? Er stand in der Lobby und lauschte einer Art Rede.

Wenn man niemanden mehr findet, der sich für Kartenspielen interessiert, geht es mit England abwärts. Ich näherte mich der Gruppe, um zu sehen, was los war, und sah diese Thane. Sie verkündete ihre neusten Pläne für eine Expedition nach Ägypten und schwadronierte über Pyramiden, Pharaonen und Sarkophage. So ein Unsinn. Hitze, sage ich nur, und Sand. Sehr viel Sand.

Ich ging zurück in den Ballsaal und besorgte mir einen Drink (einen richtigen Drink, nicht diese Limonade, die sie auf den Tabletts herumtragen). Plötzlich hörte ich jemanden „Charles!“ rufen und sah sie auf mich zukommen.

Gentleman

Lord Charles Mayford

Warum spricht sie mich immer mit meinen Vornamen an? Vor ein paar Jahren war ich auf einem anderen Ball, und es war genau das gleiche. Sie kam zu mir herüber, nannte mich Charles und fragte, wie es mir ginge. Ich hatte diese Frau noch nie zuvor in meinen Leben gesehen! Seitdem kam sie jedes Mal, wenn ich das Pech hatte, auf der gleichen Veranstaltung zu sein wie sie, zu mir und erging sich endlos in Beschreibungen ihrer geographischen Unternehmungen. Letztes Mal war es der Amazonas, oder die Anden; jedenfalls irgendein gottverlassener Ort, den niemand, der bei Verstand ist, auch nur als Kolonie haben wollte. Aber Mrs. Thane tut, als wäre sie die von Seiner Königlichen Hoheit dem Prinzregenten Offiziell Berufene Forschungsreisende.

Gestern war es also wieder ein neues Ziel.

„Ich frage mich, ob Sie Interesse an meinen Plänen für eine Ägyptenreise haben“, erklärte sie.

„Ich habe großes Interesse, Ma‘am. Je mehr ich darüber weiß, desto leichter wird es für mich, nicht hineingezogen zu werden.“

Sie ließ sich nicht abschrecken. „Die Reise hat einen archäologischen Fokus. Sie hätte möglicherweise Anteil an überaus erstaunlichen Entdeckungen.“

„Wenn es für diese Entdeckungen erforderlich ist, in der Erde herumzugraben, nehmen Sie besser meinen Gärtner mit.“

Nun, man hätte das freundlicher formulieren können, aber diese Frau war so unfassbar aufdringlich.

„Lehnen Sie Reisen grundsätzlich ab, oder nur meine Reisepläne?“, fragte sie.

„Ich lehne Reisen ab, wenn sie unnötig sind.“

„Wie können Sie die Erforschung vergangener Hochkulturen unnötig nennen? Auch wenn wir keinen unbekannten Tempel des Mittleren Königreichs entdecken sollten – ich bin allerdings zuversichtlich, dass uns dies gelingen wird – denken Sie nicht, dass ein Zusammentreffen mit einer fremden Kultur in Ägypten ein persönlicher Gewinn für Sie wäre?“

„Ich denke, dass die Zusammentreffen, die ich in London habe, befremdlich genug sind.“

„Wie Sie meinen“, sagte sie. „Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie Ihre Meinung ändern.“

Sie ist unglaublich.

 

23. Mai 1810, London

Ich hatte mir einen ruhigen Abend am Kartentisch vorgestellt. Roxwell, Wilmcote und Highley waren vorbeigekommen – für ein schnelles Abendessen und ein erheblich längeres Spiel.

Sir Arthur Roxwell

Sir Arthur Roxwell

Roxwell hatte die Karten noch nicht ausgeteilt, als Wilcote begann:

„Haben Sie von den archäologischen Ausgrabungen gehört, die Mrs. Thane plant? Ich finde ihre Herangehensweise außerordentlich interessant.“

„Ganz außerordentlich“, sagte ich und blickte in meine Karten.

„In der Tat“, sagte Highley. „Sie hat wieder einen Ihrer berühmten Aufrufe veröffentlicht. Sehr gut geschrieben und wunderbar recherchiert.“ Er zog ein Blatt Papier aus der Tasche und platzierte es in der Mitte des Tisches, so dass alle es sehen konnten.

„Sind sie das nicht immer?“, murmelte ich und spielte eine Karte aus. Dabei versuchte ich, den plakatgroßen Aufruf so gut wie möglich zu verdecken.

„Sie sucht noch immer nach Mitreisenden und finanzieller Unterstützung“, informierte uns Highley.

„Wäre das nicht etwas für Sie, Mayford?“, rief Wilmcote.

„Für mich?“ Damit hatte ich nicht gerechnet.

„Die Expedition. Ihre Teilnahme wäre sicherlich sehr wertvoll für das Unternehmen. Sie kennen sich aus mit fremden Ländern und brenzligen Situationen. Sie können hervorragend reiten und schießen. Ein bewährter Soldat und Offizier. Sind Ägypten und Indien nicht recht ähnlich?“

„Nein“, sagte ich.

„Aber würde es Sie nicht reizen mitzugehen?“

So ging es endlos weiter. Wilmcote und Highley schienen entschlossen, jemanden für die nächste Expedition dieser Reiseverrückten zu rekrutieren. Zum Glück hielt sich Roxwell heraus. Roxwell spricht nie beim Kartenspielen. Ich sollte es auch so halten.

Als sie endlich gegangen waren, befahl ich meinem Diener, allen Besuchern, die Anna M. Thane auch nur kannten, mitzuteilen, dass ich nach Schottland gereist war.

 

Die Geschichte bis hier in einer Videozusammenfassung

 

2. Juni 1810, London

Ich hasse White’s. Ich hätte niemals Mitglied werden sollen.

Früher konnte man bei White’s in Ruhe einen anständigen Drink genießen. Frauen haben keinen Zutritt. Daher ist die Atmosphäre friedlich, und die Unterhaltungen beschränken sich auf unverfängliche Themen, wie Politik und die militärische Situation in Europa. Mit selbsternannten Entdeckern ist nicht zu rechnen.

Der Abend nahm keinen guten Anfang, denn als ich ankam, traf ich Lord Doddington.

„Mayford.“

„Doddington.“ Ich nickte ihm zu.

„Wie ich hörte, waren Sie in Schottland.“

„Ja. Familienangelegenheiten.“

Doddington ist genauso dumm wie reich, und er ist sehr reich. Seine Frau macht das Beste daraus, indem sie ihn in die Clubs schickt und sein Geld überall in der Stadt ausgibt. Er hat eine durchschnittliche Statur, aber seine Bewegungen sind ungelenk. Wenn er geht, scheint er ständig über etwas zu stolpern. Ich würde gern sehen, wie Wellesley einem Bataillon von Doddingtons das Marschieren beibringt!

Doddington

Lord Doddington

„Setzen wir uns“, sagte er. „Ich wollte Sie etwas fragen.“

Wir suchten uns einen Tisch und bestellten etwas zu trinken.

„Worum geht es?“, fragte ich.

„Wilmcote sagt, dass Sie Mrs. Thanes auf ihrer nächsten Expedition begleiten wollen, ins Tal der Könige, oder wo immer sie hingeht.“

„Ach, sagte er das?“ Ich stellte mir vor, was ich tun würde, wenn ich Wilmcote das nächste Mal träfe.

„Sie lächeln. Heißt das, Sie werden in der Tat bei der Expedition dabei sein?“

„Ich werde bei denen dabei sein, die sich aus der verdammten Sache heraushalten.“

Doddington war überrascht.

„Ich dachte, Sie würden Mrs. Thanes Pläne befürworten. Jemand erwähnte, dass Sie sich nach allen Details erkundigt haben.“

„Das war ein Missverständnis. Aber bei so viel positiver Resonanz hat sie doch sicherlich ihre Reisegruppe schon beisammen.“

„Nun, sie hat sechzig Namen auf ihrer Liste.“

„Sechzig! Wird das eine Invasion statt einer Expedition?“

„Es sind Unterstützer, nicht Mitreisende. Sie haben einen finanziellen Beitrag zugesagt. Die Liste derer, die tatsächlich nach Ägypten reisen wollen, ist erheblich kürzer.“

„Sie könnten mitgehen.“ Nichts ist besser als ein Gegenangriff im richtigen Augenblick.

„Ja, das könnte ich. Meine Frau hat es schon vorgeschlagen, aber ich glaube nicht, dass ich die Zeit erübrigen kann. Nein, ich bin einer Meinung mit Wilmcote. Sie wären der richtige Mann dafür.“

„Danke, aber ich möchte nicht.“

„Es könnte eine nette Abwechslung sein.“

„Hören Sie, Doddington, Sie haben keine Ahnung, wovon Sie reden. Eine Reise nach Ägypten ist etwas anderes als die Fahrt von London zu Ihrem Landsitz in Yorkshire.“

„Sie werden unverschämt, Sir! Es steht Ihnen nicht zu, so herablassend zu sein. Vielleicht habe ich nicht Ihre Erfahrung – Indien, die Armee und das alles, aber ich habe gute –“ Er überlegte.

„Reflexe!“, rief er triumphierend.

„Reflexe? Reflexe! Ich habe noch niemals so einen Unsinn gehört. Hier geht es nicht darum, einem unruhigen Pferd auszuweichen. Hier braucht man Leute, die bereit sind zu handeln!“ Ich knallte mein Brandyglas auf den Tisch. „Ich sage Ihnen etwas, Doddington. Sehen Sie die kleine Figur auf dem Beistelltisch da drüben? Wenn Sie sie mit diesem Glas treffen, können Sie bei der Thane-Expedition mitmachen, und ich ziehe mit meiner eigenen Gruppe los. Dann werden wir sehen, wer zuerst im Tal der Könige ist.

Ich stand auf und wandte mich zum Gehen. Einen Augenblick später hörte ich ein Klirren und das Geräusch von zersplitterndem Glas. Als ich mich umblickte, war die Figur verschwunden, und der große Wandspiegel lag zerborsten auf dem Fußboden. Doddington stand da, bleich, starrte auf die Verwüstung und ruderte mit den Armen.

Der ganze Club war sofort in Aufruhr. Alle versammelten sich um uns, und Doddington erzählte wieder und wieder, was geschehen war. Schließlich galt es als Tatsache, dass Doddington und ich darum gewettet hatten, wer schneller ins Tal der Könige reisen kann; er als Mitglied der Thane-Expedition; ich unabhängig davon mit einer eigenen Gruppe.

Mr Wilmcote

Mr Wilmcote

Ich sah Wilmcote in der Menge. Er bemerkte meinen Blick und versuchte, sich davonzustehlen.

„Wilmcote!“, rief ich. „Sie haben das alles angerichtet. Sie werden mit mir reisen.“

„Ich? Nein! Ich kann nicht …“ Seine Stimmer verlor sich.

Einige der Umstehenden murrten. „Kommen Sie schon, Wilmcote!“, sagte einer.

„Sie können ihn nicht ganz allein losziehen lassen!“, fügte ein anderer hinzu.

Einige riefen: „Richtig! Genau!“

„Aber Highley muss ebenfalls mit!“, rief Wilmcote.

„Highley? Warum?“, fragte ich.

„Er hatte Mrs. Thanes Aufruf zur ägyptischen Expedition dabei.“

Das war absurd.

„Machen Sie sich nicht lächerlich, Wilmcote. Highley ist über sechzig und nicht in der Verfassung für so eine Reise.“

„Dann Roxwell! Er war an dem Abend auch dabei.“

„Roxwell ist einer der wenigen vernünftigen Leute, die nicht ständig von dieser Thane schwatzen“, sagte ich.

„Ich gehe nur mit, wenn Roxwell mitgeht“, beharrte Wilmcote.

Ich entdeckte Roxwell in der Menge. „Was meinen Sie, Roxwell?“

Er zuckte die Achsel. „Warum nicht? Wie ist‘s, haben Sie Lust auf eine Runde Piquet?“

Ich danke Gott für den guten alten Roxwell.

Also – ich habe meine Reisegefährten beisammen. Sehen wir einmal, ob A.M.T. mithalten kann.

 

4. Juni 1810, London

Gestern war ich nicht in der Stadt. Mir war nicht nach noch mehr aufgeregtem Geplapper über Exkursionen, Ausgrabungen oder ägyptische Geschichte.

Heute Morgen frühstückte ich spät. Bolton servierte. Ich nahm gerade einen Schluck Tee, als ich laute Stimmen in der Halle hörte. Solange ich nicht gefrühstückt habe, empfange ich keine Besucher. Meine Diener haben entsprechende Anweisungen. Ein solcher Radau um diese Zeit war unerhört.

Dann erkannte ich Wilcotes Stimme. Er kommandierte meinen Diener herum. Auch das war ein Novum. Aber wahrscheinlich geriet Wilmcote allmählich in Panik und war hier, um sich aus der Ägyptensache herauszureden. Nun, ich kann nicht zurück, und ihm werde ich es auch nicht gestatten.

Die Tür wurde aufgerissen, und Wilmcote stürmte in den Raum.

„Was tun Sie denn?“

„Ich frühstücke.“

„Jede Minute zählt.“

„Ich denke, diese Eier werden noch eine Weile warm bleiben.“

„Ich spreche von der Reise ins Tal der Könige. Die anderen reisen in drei Tagen aus London ab!“

„Drei Tage? Wie konnten sie die fehlenden Mittel so schnell bekommen?“

„Doddington.“

Richtig. Natürlich würde er das fehlende Geld aufbringen. Es ist für ihn eine Leichtigkeit.

„Aber wird die Gruppe bereit sein, so kurzfristig aufzubrechen?“

„Doddington sagte ihnen, sie sollen rechtzeitig da sein – oder zum Teufel gehen.“

Ein Mann mit einer Mission.

„Und was sagt sie dazu?“

„Mrs. Thane formulierte es freundlicher, aber die Botschaft war dieselbe.“

Bolton hatte die Tür geschlossen und begann, ein Gedeck für Wilmcote aufzulegen.

„Setzen Sie sich und essen Sie etwas“, sagte ich, „und dann werden wir uns an die Arbeit machen. Bolton, wir brauchen Sie später für die Reisevorbereitungen.“

„Mylord?“

„Ägypten. Abreise noch diese Woche. Sie kommen natürlich mit uns.“

„Selbstverständlich, Mylord.“

 

Lesen Sie hier die Fortsetzung des Tagebuchs zur Ägyptenreise von Lord Charles Mayford (in englischer Sprache).